TITANIC-Jahr 2012: Mythen und Fakten

Mythos I: Das „Blaue Band“

Der wohl bekannteste Mythos ist die angebliche Rekordfahrt des Schiffes, um die „Blaues Band“ genannte Geschwindigkeitstrophäe auf dem Nordatlantik. So interessant und dramatisch diese Story auch klingen mag, nichts an ihr ist wahr. Die „Titanic“ war zwar ein sehr schnelles Schiff aber bei weitem nicht das Schnellste der Welt. Dafür war sie gar nicht konzipiert. Im Gegenteil: Bei ihrem Bau wurde wie bei ihren Schwestern „Olympic“ und „Britannic“ ganz bewusst ein anderer Weg gegangen. Die Firmenphilosophie der Reederei laute „Größe und Komfort gehen vor Geschwindigkeitsrekord“. Und dem folgte die „Titanic“ konsequent. Sie war mit 46.329 BRT rund ein Drittel größer als die seinerzeitige Rekordinhaberin „Mauretania“ (31.938 BRT), besaß aber mit 51.000 PS deutlich weniger Leistung als der Cunard Liner mit seinen 78.000 PS. Es war also eine offensichtliche mathematische Unmöglichkeit der „Mauretania“ geschwindigkeitstechnisch auch nur nahe zu kommen, geschweige denn einen neuen Rekord aufzustellen. Während die Dienstgeschwindigkeit der „Titanic“ zwischen 21 und 22,5 kn lag war die Konkurrenz von Cunard mit ca. 24,5-25 kn unterwegs, die Spitzengeschwindigkeit lag sogar bei 27-28 kn während die „Titanic“ selbst bei Mobilisierung aller Reserven nur unwesentlich schneller als 25 kn werden konnte. Doch nicht nur die „Mauretania“ ließ den White Star Superliner in Sachen Geschwindigkeit hinter sich. Dies galt auch für die „Lusitania“, die „Kaiser Wilhelm II“, „Kronprinzessin Cecilie“ und „Kronprinz Wilhelm“ des Norddeutschen Lloyd sowie für die „Deutschland“ der Hamburg-Amerika Linie (HAPAG). Insofern entbehren alle Mythen über eine etwaige Rekordfahrt des Schiffes aller technischen und firmenpolitischen Grundlagen. Sie kamen auch erst viele Jahre nach dem Untergang auf, besonders gefördert durch den deutschen Spielfilm Titanic aus dem Jahre 1943, der aufgrund seiner technischen Brillanz weite Verbreitung fand und dem Zeitgeist entsprechend mit einer Vielzahl von antibritischen Ressentiments und Halbwahrheiten gespickt war.

 

Mythos II: Der Blaue Diamant

Immer wieder hört man den Mythos der sagenumwobene „Blaue Diamant“ sei mit dem Schiff untergegangen. Gemeint ist damit der Hope Diamant der auch Grundlage für James Camerons „Herz des Ozeans“ im Spielfilm aus dem Jahre 1997 war und der Legende zufolge verflucht ist. So soll er seine Besitzer und letztlich auch das Schiff ins Unglück gestürzt haben. Mit 45,52 Karat ist der Hope Diamant in der Tat der größte blaue Diamant der Welt und zudem einer der berühmtesten überhaupt, wobei sein Wert bei geschätzten 200-250 Millionen Dollar liegt. Unglück hat er seinen Besitzern wohl kaum gebracht, eher sagenhaften Reichtum. Doch befand er sich weder 1912 auf der „Titanic“ noch fristet er verschüttet in 3800 m Tiefe im Wrack des Ozeanriesen sein Dasein. Jeder der möchte kann den Stein seit 1958 in der Smithsonian Institution in Washington (D.C.) bewundern.

 

Mythos III: Die Titanic hatte zu wenige Rettungsboote

Das kommt auf den Standpunkt an: Gemessen an der maximalen Anzahl von Passagieren und Besatzungsmitgliedern die das Schiff transportieren konnte, stand nicht genügend Bootsraum für jeden Einzelnen zur Verfügung. Aus der heutigen Sicht erscheint es damit sonnenklar, dass die Anzahl der Rettungsboote zu gering war. Ganz anders sah dass im Jahr 1912 aus. Hier entsprach die „Titanic“ nicht nur den gesetzlichen Bestimmungen, sondern übertraf diese noch bei weitem. Anstatt der vorgeschriebenen Anzahl von 16 Rettungsbooten führe der Atlantikriese 20 Boote mit sich und galt gerade auch deshalb als besonders sicher. Niemand konnte sich damals auch nur vorstellen, dass tatsächlich alle Menschen an Bord in Rettungsboote müssten weil ein Schiff in kurzer Zeit sinken würde. Rettungsboote wurden eher als „Fährboote“ angesehen, die Personen vom havarierten Dampfer zum nächsten sicheren Schiff in der Nähe bringen würden, um dann für die verbleibenden Menschen zurückzukehren. So stark war die Technikgläubigkeit des vergoldeten Zeitalters. Erst die Katastrophe der „Titanic“ sollte zeigen wie grundfalsch dieses Konzept war und wie sehr die gesetzlichen Bestimmungen der Realität im Schiffbau hinterherhinkten. Nach dem Unglück wurden neue Regularien erlassen, die ganz klar pro Mensch an Bord mindestens einen Rettungsbootplatz vorschrieben. So logisch dies heute klingen mag, so sehr bedurfte es erst der Tragödie jener Aprilnacht 1912, um diese Logik auch in den Köpfen der verantwortlichen Politiker zu verankern.